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Pressebericht 17. Kasseler Abfallforum 2005

Vom Ende der Deponierung zur vollständigen Verwertung von Abfällen

Das Jahr 2005 wird einen Meilenstein und eine Zäsur in der Abfallwirtschaft darstellen, so MinDirig Dr. Gottfried Jung, Abteilungsleiter im Mainzer Umweltministerium vor vollbesetzten Rängen des Kasseler Kongresspalais. Die Veranstaltung stand in diesem Jahr ganz im Zeichen der Technischen Anleitung Siedlungsabfall (TASi) und deren gesetzlich geforderter Umsetzung zum 1. Juni dieses Jahres.
 
Das Kasseler Abfallforum hat sich mittlerweile als Informationsdrehscheibe und zentraler Fachkongress in Deutschland etabliert. Mit mehr als 1.200 Kongressteilnehmern und 86 Fachausstellern im ausverkauften Messebereich wurde die Bedeutung dieser Veranstaltung nachhaltig unterstrichen – und dies trotz der zwei Wochen darauf in München stattfindenden IFAT. Veranstalter des Kasseler Abfallforums war wie in den vergangenen Jahren das Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie unter der Leitung von Michael Kern. Die wissenschaftliche Leitung hatte Prof. Dr. Klaus Wiemer, Universität Kassel.
 
Zum Stichtag 1. Juni 2005 dürfen keine unvorbehandelten Abfälle mehr auf Deponien abgelagert werden. Staatssekretär Rainer Baake vom Bundesumweltministerium ließ keinen Zweifel daran, dass die strengen Vorgaben der TASi zum 1. Juni ohne inhaltliche Abstriche umgesetzt werden müssen. Derzeit seien allerdings von verschiedenen Seiten Bestrebungen zu erkennen, Schlupflöcher zu suchen, um die Vorgaben der Ablagerungsverordnung zu umgehen. Diesem Tatbestand müsse Einhalt geboten werden. So dürfen beispielsweise Abfallzwischenlager nicht als Verwertungseinrichtungen umdeklariert werden, um auf diese Weise den maximalen Lagerzeitraum von drei Jahren zu beanspruchen. Baake verwies in diesem Zusammenhang auf die anstehende Novelle der Abfallrahmenrichtlinie, welche insbesondere die Strategien zur Abfallvermeidung und –verwertung zum Inhalt hat sowie auf den bestehenden Regelungsbedarf zur Definition des Endes der Abfalleigenschaft.
 
Mit Blick auf die Vision 2020, dem Ziel der vollständigen Abfallverwertung, mahnte Baake europarechtlich belastbare Regelungen an, um die kommunale Entsorgungsstruktur zu sichern. In diesem Zusammenhang sprach er sich dafür aus, High-tech Abfallverbrennungsanlagen als Anlagen zur Abfallverwertung anzuerkennen.
 
Die zukünftige Abfallwirtschaft wird das separate Stoffstrommanagement zur Gewinnung von Wertstoffen sowie zur Ressourcen- und Klimaschonung deutlicher in den Vordergrund stellen als dies bisher der Fall war, so MinDir Dr. Helmut Schnurer, Abteilungsleiter des Bonner Umweltministeriums. Hierbei wäre es sinnvoll, die Grenzen zwischen Abfallbeseitigung und Abfallverwertung flexibler zu definieren. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden vollständigen Abfallverwertung verwies auch der Veranstaltungsleiter Prof. Wiemer darauf, dass der Abfallbegriff zunehmend irreführend sei und durch neue Begrifflichkeiten ersetzt werden sollte.
 
Mit Blick auf die zunehmenden Liberalisierungstendenzen in der EU sei die kommunale Abfallwirtschaft gefordert, sich neu zu positionieren, so Dr. Rüdiger Siechau, Präsident des Verbandes Kommunale Abfallwirtschaft und Stadtreinigung im VKU. In Anbetracht des zunehmenden Wettbewerbes und der zunehmenden Bedeutung der Abfallverwertung müssten die Kommunen eigene Stärken bündeln und ggf. Kooperationen eingehen, wobei auch gemischtwirtschaftliche Strukturen im Einzelfall zu erwägen seien. Siechau forderte, die Rahmenbedingungen insgesamt so auszugestalten, dass Kommunen faire und gleiche Wettbewerbschancen am Markt erhielten.
 
Das Grundverständnis der Entsorgungsbranche werde sich grundlegend wandeln, so Peter Hoffmeyer, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE). Hierbei werde die Entsorgung zunehmend von der Versorgung verdrängt. Die Entsorgungsunternehmen werden zu Rohstoffproduzenten. Ziel sei eine sich selbst tragende Abfallwirtschaft, bei der die Schere zwischen den Kosten zur Sekundärrohstoffgewinnung und den steigenden Rohstoffpreisen immer enger werde. Am Ende müsste eine Kostenentlastung für den Bürger und ein anderes Grundverständnis beim Umgang mit dem Abfall stehen. Dies bedeute nicht automatisch eine Ausweitung der Getrenntsammlung, sondern in zunehmendem Maße auch die Nutzung moderner Trenntechnologien zur Gewinnung einzelner Stoffströme aus Abfällen.
 
In diesem Zusammenhang sind die neuesten Forschungsversuche der HTP Ingenieurgesellschaft Aachen von besonderem Interesse. Wie Dr. Joachim Christiani in seinem Referat erläuterte, zeigen die Versuchsergebnisse im Pilotmaßstab, dass die Abtrennung verschiedener Kunststoffsorten aus Resthausmüll mit Hilfe der Nahinfrarottechnologie durchaus zu befriedigenden Ergebnissen führt und dass dabei die Mindestanforderungen der Verpackungsverordnung sowohl quantitativ als auch qualitativ zum Teil deutlich übertroffen würden. Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung dieses Vorhabens unter der Leitung der Projektgemeinschaft Witzenhausen-Institut / HTP im Auftrag des DSD, des Landes Rheinland Pfalz und der Fa. Herhof, Solms-Niederbiel, zeigt außerdem, dass mit dieser Art der Wertstoffgewinnung unter bestimmten Rahmenbedingungen sogar Kostenvorteile für den Bürger erwirtschaftet werden könnten, so Prof. Dr. Karl H. Wöbbeking von der FH Mainz.
 
Derartige Technologien dürften auch international von einigem Interesse sein. So sieht auch Norbert Rethmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Remondis AG, die Abfallbranche in Deutschland aufgrund der technologischen Spitzenstellung gut gerüstet für die Globalisierung. Die Abfallwirtschaft werde hier, anders als in anderen Ländern wie Frankreich, Spanien und England oder auch den USA weitestgehend durch den Mittelstand getragen. Der technologische Vorsprung sei groß. Interessante neue Geschäftsfelder böten sich in den neuen EU-Beitrittsländern. Rethmann warnte jedoch in diesem Zusammenhang auch vor Scheinverwertung, Öko-Dumping und Arbeitsplatzverlusten, sollte die Abfallverbringung in diese Länder nicht hinreichend kontrolliert werden.
 
Weitere Schwerpunkte der Veranstaltung waren die Abfallablagerungsverordnung (AbfAblV) und ihre Anforderungen an mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlagen (MBA). Nach den Worten von Thomas Grundmann, ASA Ennigerloh, befinden sich in Deutschland derzeit 46 mechanisch-biologische Anlagen in Betrieb, weitere fünf Anlagen im Bau. 15 Altanlagen werden oder wurden bereits stillgelegt.
 
Die Anforderungen an das MBA-Outputmaterial, das anschließend abgelagert werden solle, werde jedoch von der Mehrzahl der heutigen Anlagen vorerst nicht erfüllt, so Prof. Klaus Fricke von der TU Braunschweig. Vielmehr werde man etwa ein Jahr benötigen, um die geforderten Grenzwerte sicher einzuhalten. Dies sei angesichts der kurzen Übergangszeit seit dem Inkrafttreten der AbfAblV und der biologisch bedingt langen Anpassungsphasen in den Anlagen aber "kein Beinbruch", meinte Fricke.
 
Ob das Umweltministerium dies auch so sieht, bleibt abzuwarten. Eine erste Bilanz wird jedenfalls beim nächsten Kasseler Abfallforum gezogen werden, das vom 25. - 27. April 2006 stattfinden wird.

 

 

 
 
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